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Der Asse-”Skandal” von Dr. Lutz Niemann vom 13.06.2009

Zusammenfassung: Im September 2008 kam das Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle ASSE ins Gerede. Es wurde von Minister Gabriel eine Kampagne entfacht mit Vorwürfen, die im wesentlichen falsch waren, und die der dringend notwendigen Lösung des Endlagerproblems von radioaktiven Abfällen einen denkbar schlechten Dienst erwiesen. Hier das wichtigste dazu in Kürze:

  • In der ASSE lagern als wesentliche Abfallmengen je ca. 100 Tonnen Uran und Thorium sowie ca. 10 kg Plutonium, verteilt über 125 000 Fässer. In den Fässern sind die Abfälle wiederum eingegossen in Bitumen oder Beton.
  • Radioaktive Stoffe sind ein Teil der Natur, es gibt sie überall. So errechnet sich aus der mittleren Häufigkeit der Elemente in der Erdkruste für den halben Kubikkilometer des Deckgebirges über dem alten Salzbergwerk das 100-fache an radioaktiven Stoffen, nämlich 4000 Tonnen Uran, 12 000 Tonnen Thorium und 3 500 Tonnen Kalium-40.
    Wenn also in der Diskussion um die Sicherheit eines Endlagers eine Gefährdung der Wohnbevölkerung suggeriert wird, dann ist das eine Irreführung. Warum sollten die Abfälle unten im Endlager gefährlicher sein als die darüber in der Erdkruste enthaltene 100-fach größere Menge an radioaktiven Stoffen?
  • Aus der ASSE wurde durch den Kaliabbau etwa so viel Aktivität heraus geholt (einige zehn hoch zwölf Becquerel), wie durch die Endlagerung der Abfälle wieder hinein gebracht wurde (wenn man nur die langlebigen Nuklide betrachtet).
  • In der Landwirtschaft werden in Deutschland jedes Jahr einige zehn hoch zwölf Becquerel in Form von Kalidünger auf den Feldern verteilt, eine ähnlich große Menge wird von den Menschen mit der Nahrung verspeist. Denn Radioaktivität ist überall, auch der Mensch enthält Radioaktivität. Das ist natürlich und hat nichts mit Gefahr zu tun.
  • Es wurden brüchige Stollen und das Eindringen von gesättigter Salzlösung ins Bergwerk beklagt. Diese Dinge stellen keinen Mangel dar, sondern sind ganz normale Erscheinungen, die in jedem Bergwerk auftreten und dort im Kohlebergbau zum Beispiel in viel größerem Umfang. Für die Menschen im Ruhrgebiet ist es eine Alltäglichkeit, dass infolge zusammenbrechender Stollen und nachbrechendem Deckgebirge an der Oberfläche Vertiefungen entstehen, mit weitreichenden Folgen für Bebauung, Landwirtschaft, Infrastruktur, Natur.
  • Das in den Medien gezeigte Bild: „Lader mit abgekippten Fässern“ wurde mit Absicht gewählt, um einen Eindruck von Schlampigkeit zu vermitteln. Das Gegenteil ist richtig, das Abkippen der Fässer und deren anschließende Bedeckung mit gemahlenem Restsalzen ist die beste Methode der sicheren Einlagerung der aktiven Abfälle.
  • Die von Gabriel in die Diskussion gebrachten Aktivitäten in der eingedrungenen Sole (Uran und Cs-137) sind ganz normal, sie finden sich in unterschiedlichen Konzentrationen überall auf der Erde.
  • Es wurden Änderungen in der behördlichen Zuständigkeit eingeführt. Daher gilt heute in der ASSE nicht mehr das Bergrecht, sondern das für einen ganz anderen Zweck entwickelte Atomrecht mit viel strengen Auflagen, die 500 Meter unter der Erde nicht erforderlich sind.
  • Heute sind die meisten Hohlräume der ASSE mit Abraumsalzen verfüllt, das Bergwerk wird geschlossen.

Manche Ereignisse sind keine wirklichen Skandale, aber sie werden zu solchen gemacht. In der deutschen Politik ist das mittlerweile fast Standard. Die Endlagerdebatte ist so ein Beispiel dafür. Durch ständige Wiederholung, Tag für Tag ein neues Mosaiksteinchen den „Enthüllungen“ hinzugefügt, gelang es vergangenen Herbst wieder einmal, Tatsachen auf den Kopf zu stellen.1 Auslöser war Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der sich im September 2008 zur „ungelösten Endlagerfrage“2 äußerte und das Endlager ASSE für schwach- und mittelaktive Stoffe aufs Korn nahm: größter GAU, unsicherste kerntechnische Anlage in Deutschland, Pannen, Schlamperei – so befand der große Meister. Die Medien taten das Ihre, um die Botschaft zu verbreiten, und die Atomkraft erstrahlte erneut als gigantische Bedrohung zur Freude von SPD und Grünen. Gabriels Attacke war jedoch alles andere als eine treffende Beschreibung der eigentlich wenig spektakulären Realität in der Asse.

Normalzustand

Die Asse war einst ein Bergwerk. Seit 1899 wurde dort Kalisalz und Steinsalz abgebaut. Nach Ende des Salzabbaus wurde es 1965 vom GSF-Forschungszentrum übernommen, um Forschungsarbeiten zur Endlagerung von radioaktiven Abfällen durchzuführen. Im Rahmen dieser Forschungen wurden in zehn Prozent der insgesamt 131 Abbaukammern Einlagerungen von 125.000 Gebinden mit schwach- und mittelaktiven Abfällen auf verschiedene Art und Weise vorgenommen. Seit 1995 werden die unterirdischen Hohlräume mit Rückstandssalzen aus anderen Salzbergwerken aufgefüllt, die bisher oberirdisch lagerten. Das Bergwerk wird seither geschlossen.3

In den Abbaukammern der Asse wurde auf einer Vielzahl von Sohlen so viel Salz wie möglich gewonnen. So ist ein Grubengebäude wie ein löchriger Schweizer Käse entstanden, mit Hohlräumen und dazwischen stehen gebliebenen Pfeilern, damit es stabil bleibt. Salz verhält sich aber bei dem Druck der darüber lagernden Deckschichten wie eine zähe plastische Masse, d.h. es verformt sich. Die Kammern werden, mit Geschwindigkeiten von wenigen Zentimetern pro Jahr, zusammengedrückt. Das ist ein normaler und damit auch erwarteter Vorgang. Daher senkt sich nun auch das Deckgebirge, das heißt, an der Oberfläche senkt sich der Boden um etwa einen Zentimeter pro Jahr ab.3

Die Menschen im Ruhrgebiet und Saarland kennen diese Erscheinung vom Steinkohleabbau. Natürlich ist seine Beherrschung eine geologische Herausforderung. Aber dass die ehemalige Salzgrube der Asse irgendwann brüchig wird und es zu Einstürzen kommen kann, wird von keinem Experten bestritten. Ebenso ist es ein ganz normaler Vorgang, dass in einen unterirdischen Hohlraum irgendwann Wasser eindringt: Wenn in der Tiefe Hohlräume gegraben werden, sickert von oben her Feuchtigkeit langsam hinein. Nur ist nie voraus zu sehen, in welcher Zeit das geschieht. Es kann zehn Jahre dauern, oder hundert Jahre oder tausend Jahre oder noch länger. In der Asse war es vor 20 Jahren so weit. Seitdem dringt an einer Stelle mit gelöstem Salz gesättigtes Wasser (sogenannte Sole) von oben her in das Labyrinth der Kammern und Gänge ein. Es sind 12 Kubikmeter pro Tag, was für eine Grube eine eher geringe Menge darstellt. Alle stillgelegten Bergwerke werden irgendwann „absaufen“, wenn man das Wasser nicht abpumpt; oder wie bei der Asse die Hohlräume auffüllt.

Doch diese längst bekannten Gegebenheiten waren im letzten Herbst auf einmal Teil der Beanstandungen des Ministers Gabriel. Die harten Worte seiner Anschuldigungen standen in allen Zeitungen. Die Verteidigung des beschuldigten Betreibers der Schachtanlage, des Helmholtz Zentrums München, fand hingegen kaum ein Echo in Politik und Medien.

Gefahr in Zahlen

Aber wie verhält es sich mit der Gefahr durch die endgelagerten Stoffe dort drunten in der Erde? Auch hieraus wurde nie ein Geheimnis gemacht. Die Fakten waren immer öffentlich zugänglich.2, 3 Die Menge der heute in Asse gelagerten Radioaktivität (s. hierzu die Infobox) beträgt 3 mal 10 hoch 15 Becquerel [Bq]. Nach 140 Jahren, wenn das Nuklid mit der höchsten Aktivität zerfallen ist, werden es 2 bis 3 Größenordnungen weniger sein, also weniger als 3 mal 10 hoch 13 Becquerel. Betrachtet man dazu die Mengen der endgelagerten Stoffe, so sind es im Wesentlichen je ca. 100 Tonnen Uran und Thorium sowie ca. 10 Kilogramm Plutonium (aus der Pilotwiederaufarbeitungsanlage in Karlsruhe). Alle Abfälle sind verteilt auf die 125.000 Fässer, in den Fässern wiederum eingegossen in Beton oder Bitumen.

Zur Beantwortung der Frage nach dem Gefährdungspotenzial vergleichen wir die Situation mit der natürlich vorkommenden Radioaktivität der in der Natur überall vorhandenen radioaktiven Stoffe Uran, Thorium und Kalium-40. Wir wählen zum Vergleich das Deckgebirge über dem Salzstock mit der Tiefe 500 Meter und der Flächenausdehnung 1 Kilometer mal 1 Kilometer wie in der Skizze dargestellt. In diesem halben Kubikkilometer [km3] der Erdkruste befinden sich rund 4000 Tonnen Uran (= 10 hoch 14 Bq), 12.000 Tonnen Thorium (= 5 mal 10 hoch 13 Bq) und 3500 Tonnen Kalium-40 (= 10 hoch 15 Bq), wenn man die Durchschnittskonzentrationen dieser Elemente in der Erdkruste zur Berechnung heranzieht.4

An anderer Stelle in der Fachliteratur wird die mittlere Aktivität von 1 km³ der Erdkruste mit 2,6 mal 10 hoch 15 Bq angegeben5, unsere einfache Abschätzung stimmt damit befriedigend überein. Man sehe und staune: Die endgelagerten Stoffe in der Tiefe werden also durch eine viel größere Menge von ebenfalls radioaktiven Stoffen im Deckgebirge überdeckt. Natürlich sind die endgelagerten Abfälle unten auf engerem Raum gelagert, die Konzentrationen in der Tiefe sind sicherlich an vielen Stellen höher als die Konzentrationen der natürlichen Radioaktivität in der Erde. Warum aber sollten angesichts der viel größeren darüber lagernden Aktivität des natürlichen Gesteins gerade die Stoffe in der Tiefe eine Gefahr darstellen?

Die im Endlager Asse befindlichen Abfälle und Aktivitäten sind vernachlässigbar gegenüber den überall vorhandenen radioaktiven Stoffen bzw. deren Aktivitäten

Strahlende Zeitbombe?

Viel wurde berichtet über die „radioaktive“ Lauge und „strahlendes“ Wasser in der Asse. Wie ist dieser Sachverhalt zu bewerten? In der von oben in das Grubengebäude einsickernden Sole wurde eine Urankonzentration von maximal 2 Mikrogramm pro Liter [µg/l = 10 hoch minus 6 Gramm/l] festgestellt. Das ist ganz normal, denn in jedem Wasser (Meerwasser, Grundwasser, Trinkwasser, Mineralwasser) ist immer Uran in Spuren enthalten. 6

Ferner gab es an einzelnen Stellen des Grubengebäudes geringe Mengen Sole mit Cäsium-137 (Cs-137). Dieses Nuklid kam ursprünglich nicht in der Natur vor. Spuren davon wurden durch den Fallout der oberirdischen Kernwaffenversuche und durch den Unfall von Tschernobyl weltweit verteilt. An der Oberfläche in der Gegend der Asse beträgt dessen Konzentration etwa 50 Becquerel pro Kilogramm Gartenerde. In einem Kubikmeter Erdreich sind das ca. 100.000 Becquerel Cs-137. Das sind Zahlen, die zwar bei der unbedarften Lektüre Eindruck machen können7, die aber keinerlei Gefahr bedeuten. Cäsium ist ein Alkalimetall, daher ist es gut löslich in Wasser, kann im gelösten Zustand wandern und verschleppt werden (z.B. aus dem Verfüllmaterial der Hohlräume der Asse). In der Grube kann das in Wasser gelöste Cäsium aufkonzentriert werden, da es dort etwa 30 Grad Celsius warm und die Luft trocken ist. In Medienberichten wurde in der Regel die Konzentration des Cäsiums-137 in Bq/kg angegeben. Die Absolutzahlen jedoch fehlten.7 Man kann daher vermuten, dass die Mengen kleiner als ein Kilogramm waren und man kann folgern: Wenn tief unten in der Grube in einer Pfütze Flüssigkeit am Boden sich Cäsium-137 angesammelt hat, wie es sich an der Oberfläche in drei Schubkarren voller Gartenerde befindet, dann ist dies ohne Belang. Schließlich wachsen oben in der Gartenerde unsere Radieschen und gelbe Rüben, die wir zurecht unbesorgt genießen. 500 Meter unter der Erde können wir Cäsium-137 also beruhigt vergessen.

In der Asse wurden Carnallit (das Kalisalz mit der Formel KCl x MgCl2 x 6H2O) und Steinsalz (NaCl) gefördert. Nun besitzt Kalium mit K-40 ein radioaktives Nuklid, das einen großen Teil der natürlichen Radioaktivität der Erde und damit auch des Menschen ausmacht. Kalium brauchen die Pflanzen zum Wachsen, Kalium ist für jedes Lebewesen notwendig. Selbstverständlich essen auch wir mit dem Kalium jeden Tag Radioaktivität. Die Rechnung ergibt für 1 Kubikkilometer Carnallit die Aktivität von 4 mal 10 hoch 15 Becquerel. Unter der Annahme, dass aus den unterirdischen Hohlräumen der Asse von 3,3 Mio. Kubikmeter gleich viel Carnallit wie Steinsalz gefördert wurde, folgt, dass von dort unten 7 mal 10 hoch 12 Becquerel an die Erdoberfläche befördert worden sind. In den letzten Jahren wurde dort unten wieder Radioaktivität eingelagert, nur in Form anderer Nuklide. Und natürlich gibt es auch heute Kalibergwerke in Deutschland, in denen nach „radioaktivem Kalium“ gegraben wird. Die Kali+Salz AG fördert jährlich etwa 6 mal 10 hoch 12 Becquerel an die Erdoberfläche. Davon gelangen 2 bis 3 mal 10 hoch 12 Becquerel als Dünger auf deutsche landwirtschaftliche Flächen8, damit die Pflanzen kraftvoll und gesund wachsen. Und anschließend dienen die Pflanzen der Ernährung von Mensch und Tier. Mit Speisen und Getränken werden von den Menschen in unserem Lande jährlich rund 2,6 mal 10 hoch 12 Becquerel konsumiert9. Unser „Verzehr“ von Radioaktivität ist ein ganz natürlicher Vorgang, der zum normalen Leben gehört.

Chaotische Zustände?

Bilder sind in ein beliebtes Mittel der Meinungsbildung und -mache. Abstrakte Dinge werden anschaulich, und sie berühren den Menschen emotional. So tauchte in der Kampagne um die Asse immer wieder ein ganz bestimmtes Bild auf: Ein Lader kippt scheinbar achtlos Fässer ab, die durcheinander fliegen und ungeordnet und möglicherweise sogar beschädigt zum Liegen kommen. Es handelt sich um ein Bild aus dem Archiv, das sich in vielerlei Informationsbroschüren findet – die älteste, die ich fand, stammt aus dem Jahre 1985. Daneben sind in besagten Infomaterialien aber auch andere Aufnahmen zu finden, nämlich sorgfältig in Reih und Glied gestapelte Fässer. Die Skandalisierung der Asse durch Minister Gabriel sollte dem Bürger allerdings Schlamperei mit potenziell katastrophalen Folgen vor Augen führen. Und das gelingt nun einmal am besten mit dem erst genannten Bildmaterial. Viele Menschen waren ob der Fotos über die vermeintlich unverantwortliche Lagerpraxis umso empörter. Doch der im Bild transportierte Eindruck entspricht nicht der Realität. Die sorgsam gestapelten Fässer mit Hohlräumen dazwischen werden irgendwann vom sich absenkendem Gebirge zerdrückt werden, weil dort die Hohlräume nicht verfüllt werden, das ist den Betreibern seit jeher bewusst. Die auf einer schrägen Rampe abgekippten Fässer wurden deshalb anschließend mit fein gemahlenem Salzmaterial bedeckt, das sich verfestigt und die Fässer wie in Beton einbettet, für die Ewigkeit. Es handelst sich also um zwei unterschiedliche Einbaumethoden, wobei diejenige mit den abgekippten Fässern zwar den schlechteren Eindruck macht, aber zum besseren Resultat führt.

Ende des Endlagers?

Wie wird es mit der Asse weiter gehen? Die Zuständigkeiten wurden im Zuge der politischen Aufregung geändert. Der Betreiber der Asse handelte zuvor all die Jahre im Auftrage des Bundes, aber unter Aufsicht der jeweiligen niedersächsischen Landesregierung. Deren Ministerpräsident war übrigens vier Jahre lang Sigmar Gabriel, der aber damals offenbar nichts von den heute monierten angeblich so „katastrophalen Zuständen“ bemerkte. Nun bestimmt wieder Gabriel, und das Bundesamt für Strahlenschutz überwacht die Anlage. Die Bundespolitik hat sich damit Einfluss gesichert – in jeder Hinsicht. Es gilt nun (500 Meter unter der Erdoberfläche) das sehr strenge Atomrecht. Das Bergrecht ist nicht mehr ausschlaggebend. Das bietet nicht zuletzt auch vielfältige Optionen, belanglose Ereignisse der Öffentlichkeit auch zukünftig mit knalligen Schlagzeilen zu präsentieren und die Endlagerung als ein ungelöstes Problem erscheinen zu lassen und weiter zu behindern. Angesichts der anstehenden Wahlkämpfe ist sogar zu vermuten, dass einige Fässer wieder an die Oberfläche geholt werden, um den Bürgern mit bunten Bildern die vermeintlich halsbrecherische „Gefährlichkeit“ der Atomkraft erneut zu demonstrieren. Und es kursieren bereits Zahlen für Zusatzkosten von 200 Mio. Euro. Die Bürger werden auch hierfür zahlen müssen, denn sie verlassen sich auf die zumindest bei dieser Frage eigentlich längst erodierte Redlichkeit der Obrigkeit.

Für die Mitarbeiter der Asse hatte das politisch motivierte Eingreifen Gabriels erhebliche persönliche Folgen. Durch den Vorwurf von Inkompetenz und illegalem Verhalten seitens eines Bundesministers sind die Mitarbeiter Anfeindungen, Beschimpfungen, Schuldzuweisungen und Ausgrenzungen ausgesetzt, was sich bis hinein in ihre Familien auswirkt.

Die Asse ist weder eine kerntechnische Anlage noch ein GAU – allerdings kann sich die deutsche Ausstiegspolitik durchaus zu einem GAU für unser Land entwickeln.

Anmerkungen

  1. Hans Mathias Kepplinger: „Die Kunst der Skandalisierung und die Illusion der Wahrheit“, ISBN 3-7892-8066-6.
  2. Lutz Niemann: „Strahlend wie das Matterhorn“, in NOVO 89, Seite 34f.
  3. GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit: „Asse, ein Bergwerk wird geschlossen“, 2004.
  4. Mittlere Häufigkeit der Elemente in der Erdkruste nach Periodensystem VCH, oder Merck: „Tabellen für das Labor“: U: 3ppm, Th: 12ppm, K: 2,4%.
  5. Z. Jaworowski: „Ionizing radiation in the 20th century and beyond“, atw 47 Jg. (2002) Heft 1, Seite 22-27.
  6. P. Roth, E. Werner, H.G. Paretzke: “Untersuchungen zur Uranausscheidung im Urin, Überprüfung von Schutzmaßnahmen beim Deutschen Heereskontingent KFOR“, GSF-Bericht 3 / 01, Januar 2001.
  7. Walter Krämer: „So lügt man mit Statistik“, 1994.
  8. Informationsbroschüren der Kali + Salz AG sowie Agrarbericht der Bundesregierung von 1996.
  9. Martin Volkmer, „Radioaktivität und Strahlenschutz“, ISBN 3-926956-45-3.

[Infobox1]
Radioaktivität

Wir benutzen den Begriff Radioaktivität – gemessen in Becquerel = Zahl der Zerfälle pro Sekunde – als Maß für ein Gefährdungspotential. Die radioaktiven Strahlen werden allerdings erst dann schädlich, wenn sie ein Lebewesen auch erreichen. Dazu ist, gerade bei alpha-Strahlern wie Uran und Thorium, ein Verspeisen erforderlich, was durch die Lagerung untertage ausgeschlossen ist.

[Infobox2]
Zahlen zur Radioaktivität

  • Mittlere Aktivität von 1km³ der Erdkruste              2 x 1015 Becquerel
  • Aktivität der 15 km tiefen Erdkruste unter Deutschland           1 x 1022 Becquerel
  • Aktivität der 15 km tiefen Erdkruste der Erde                  4 x 1025 Becquerel
  • Bis 2000 angefallener hochaktiver Abfall aller deutschen
    Kernkraftwerke nach 500 Jahren Abklingzeit                  3 x 1016 Becquerel
  • Natürlicher Eintrag von Radon in die Lufthülle weltweit im Jahr      3 x 1019 Becquerel
  • Aktivität aller Menschen auf der Erde                        5 x 1013 Becquerel
  • Aktivität von 1km³ Carnallit                              4 x 1015 Becquerel
  • Aktivität in einem Kernkraftwerk in Betrieb             ~ 1021 Becquerel
  •   1 Jahr nach abschalten                               ~ 1019 Becquerel
  •   10 Jahre nach abschalten                       ~ 1018 Becquerel
  •   100 Jahre nach abschalten                             ~ 1017 Becquerel
  •   1000 Jahre nach abschalten                            ~ 1015 Becquerel

Der vorstehende Bericht wurde veröffentlicht in NOVO Argumente 99, 03 – 04 2009, Seite 43 ff