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Fehlstart bei  ITER

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Fehlstart bei ITER, Dr. Willy Marth, Karlsruhe, 09.12.2008

Beim Fusionsreaktor ITER, mit dem das "Sonnenfeuer auf die Erde" geholt werden sollte, hat man sich einen kapitalen Fehlstart geleistet. Statt - wie bisher beabsichtigt - im kommenden Jahr 2009 endlich mit dem Bau dieser Maschine im südfranzösischen Cadarache zu beginnen, ist man jetzt gezwungen, wesentliche Teile der Anlage von Grund auf neu zu konzipieren. Mit horrenden Auswirkungen auf die Baukosten und den Terminplan des Projekts.

Kurz vor Baubeginn nämlich machten die Physiker eine unliebsame Entdeckung: ausgerechnet in der Nähe der zu schützenden Reaktorwand zeigte das höllenheisse Plasma nicht tolerierbare Instabilitäten. Nervöse Zuckungen des überhitzten Wasserstoffgases hätten die sog. Erste Wand im Betrieb weitaus stärker angegriffen, als bisher vermutet. Um diese Instabilitäten im Zaum zu halten, erwägt man nun den Einbau zusätzlicher Magnetspulen. Das aber kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern zieht auch einen ganzen Rattenschwanz von Änderungen nach sich. Wahrscheinlich muss die Auslegung der Reaktorkammer (des Tokamak) von Grund auf überarbeitet werden.

Nicht ausreichend bedacht hatte man auch die Erdbebensicherheit des Reaktorgebäudes und seiner Einbauten. Das muss jetzt nachgeholt werden und verursacht einen hohen Aufwand. Vor allem deswegen, weil die Experten für solch komplexe Rechnungen weltweit sehr knapp sind und die Analysen sehr viel Zeit benötigen. Hinzu kommt, dass für die Kraftableitungen eine Vielzahl sperriger Dämpfer und Hänger erforderlich sein werden, wofür bei dem jetzt schon herrschenden Gedränge der Komponenten kaum ausreichend Platz vorhanden ist.

Beachtliche Mehrkosten zeichnen sich auch beim atomrechtlichen Genehmigungsverfahren ab. Hiervor hat die ITER-Gemeinde bisher weitgehend die Augen verschlossen - nach dem Motto: "wir produzieren doch nur saubere Energie". (Im Gegensatz zu den Kerntechnikern!) Aber davon kann natürlich keine Rede sein. Ein ausgewachsenes Fusionskraftwerk erzeugt mindestens genau so viel Radioaktivität - möglicherweise sogar um ein Vielfaches mehr - wie ein gleich großes Kernkraftwerk. Es produziert, zugegebener Maßen, keine Transurane; aber der Umgang mit dem volatilen Tritium will auch gelernt sein. Ein grosses Manko ist, dass die ITER-Mannschaft bisher nur über wenige Strahlenschutzexperten verfügt, während die Genehmigungsseite eine Vielzahl erfahrener Fachleute aufbieten kann, welche heikle Fragen stellen werden.

Eine unabhängige, internationale Gruppe prüft seit Mitte d. J. die Auswirkungen dieser Mehraufwendungen (zu denen noch gestiegene Preise für Rohstoffe und Energie kommen) auf die Baukosten des Projekts und seinen Terminplan. Das Ergebnis ist offensichtlich schaudererregend, weswegen man es noch unter der Decke zu halten versucht. Aber, wie nicht anders zu erwarten bei einem Projekt mit so vielen Partnern: es ist bereits einiges durchgesickert. So wird - unwidersprochen - der deutsche (stellvertretende) ITER-Direktor damit zitiert, dass sich die Gesamtkosten des Fusionsreaktors von 5 auf 10 Milliarden Euro "verdoppeln könnten". und die renommierte englische Fachzeitschrift "Nature" berichtet von einer absehbaren Terminverzögerung von 3 Jahren.

Bei Euratom in Brüssel ist man bereits in heller Aufregung. Der dort für ITER zuständige Forschungsdirektor Octavi Quintana-Trias sagte kürzlich bei einer Fachtagung in Rostock unverblümt:

"Wenn ITER scheitert, dann ist die Kernfusion tot."