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Kernenergie und Fusion

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Bericht von Dr. Ludwig Lindner vom 10.11.2005 zum Thema:

Kernenergie und Fusion in der Greifswalder Region

 Einige Mitglieder der Gruppe “Bürger für Technik“ nahmen an der 14. Tagung der KTG-Fachgruppe “Nutzen der Kerntechnik“ teil, die diesmal in Greifswald stattfand. Zur Tagung, deren Zielsetzung die weitere Verbreitung und Information einer wirtschaftlichen Energiepolitik unter ausdrücklicher Einbeziehung der Kernenergie ist, gehörte auch ein umfangreiches Besichtigungsprogramm.

Energiewerke Nord GmbH EWN

In der früheren DDR wurde das 1. Kernkraftwerk in Deutschland am 09.03.1966 in Rheinsberg, Land Brandenburg, in Betrieb genommen und danach in Lubmin bei Greifswald begann die Errichtung von 8 Blöcken vom Druckwassertyp russ. Bauart WWER mit 440 MW Leistung. Die Blöcke 1-4 wurden ab 1973/1975/1977 und 1979 im Dauerbetrieb betrieben, Block 5 wurde im Jahr 1989 in den Probebetrieb gebracht und 17 effektive Tage mit bis zu 55 % Last betrieben. Auf Grund eines Fehlverhaltens bei Versuchen erfolgte im November 1989 die Außerbetriebnahme der Anlage.

Block 1-4 waren weder technisch noch wirtschaftlich nachrüstbar, die Blöcke 5 bis 8 waren wirtschaftlich und technisch nachrüstbar, das Projekt kam aufgrund finanzieller Probleme nicht zustande. Block 5 wurde am 29.11.1989, Block 1 als letzter Block am 18.12.1990 abgestellt. Block 6 ging überhaupt nicht in Betrieb, ist daher mit keinerlei Radioaktivität belastet und derzeit noch als “Besuchskraftwerk“ zugänglich.

In der Anlage in Lubmin waren auch noch die Blöcke 7 und 8 noch in der Errichtungsphase, dementsprechend ist die Turbinenhalle mit 1,2 km Länge ausgelegt. In der gesamten Anlage sind inzwischen viele brauchbare Teile schon ausgebaut bzw. verschrottet. Ein weiteres Kernkraftwerk in der DDR wurde bereits 10 Jahre in Stendal gebaut, hier waren 1989 an zwei Blöcken des Typs WWER 1000 unterschiedliche Fertigungsstände einschl. Montage zu verzeichnen.

In Lubmin hatten wir dabei eine sehr interessante Besichtigung in der stillgelegten Reaktoranlage Block 6 und bekamen Informationen über die Konsequenzen für die Firma und die Region.
Es wurde erreicht, dass die Demontage der Anlagen von der Energiewerke Nord GmbH (EWN GmbH) durch ehemalige Mitarbeiter des KKW Lubmin durchgeführt wird. EWN hat jetzt noch ca. 1000 Mitarbeiter von ehemals 5.500. Die Gesamtsumme für Stillegung und Rückbau der 5 Blöcke von 1990 bis 2035 wird auf 1,2 Mrd. € veranschlagt, etwa 8.000 t Material müssen letztlich in Endlager. Zur Freigabe wird entschieden: nach den Grenzwerten: 0,1 Becquerel/g bedingungslose Freigabe, 1 Becquerel/g zum Schrott.

Der Rückbau in Rheinsberg erfolgt parallel zu Lubmin ebenfalls mit den ehemaligen Mitarbeitern.

Die Firma EWN-Nord hat sich inzwischen gut im Markt der Demontage kerntechnischer Anlagen etabliert, auch im Vergleich zu anderen westeuropäischen Firmen.

Zum Arbeitsgebiet gehört u.a.
- die Demontage der KKW Lubmin und Rheinsberg
- die Demontage von 120 russ. Atom-U-Booten in Murmansk (Projektleitung)
- die Demontage der WAK in Karlsruhe (Wieder-Aufbereitungsanlage Karlsruhe – die die
  Versuchsanlage für die geplante technische Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf war)
- Projektleitung des Rückbaues des AVR-Reaktors in Jülich (Prototyp des 15 MW “Kugelhaufenreaktor“)
- die EWN GmbH ist in allen osteuropäischen Ländern beim Rückbau eingebunden.
 (www.ewn-gmbh.de)

Weitere industrielle Aktivitäten in Lubmin

Der ehemalige Auslaufkanal des Kernkraftwerkes ist inzwischen zu einem großen Industrie-Hafen
verändert worden.

Neue Pläne sind:

  • Ein Gaskraftwerk, das sich jedoch nur im Grundlastbereich rechnet. Die Einspeisung in das Landesnetz kann über die alte Freiluftschaltanlage des KKW, jetzt zu Vattenfall gehörend, erfolgen.
  • Zur Herstellung von Biodiesel (“Sundiesel“) aus nachwachsenden Rohstoffen (u.a. Holz aus Skandinavien) der Firma Choren/Freiberg/Sachsen soll ab 2007 eine Anlage gebaut werden. Shell Deutschland Oil GmbH hat eine Minderheitsbeteiligung an CHOREN Industries GmbH, Freiberg/Sachsen, erworben. (www.choren.de)
  • Außerdem ist eine Anlage zur Herstellung von Rapsdiesel in der Diskussion.

Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald

Kurzfristig konnten wir auch eine Besichtigung im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (Teilinstitut des IPP Garching) organisieren. Dort wird eine Fusionsanlage Wendelstein 7-X, das gegenwärtig weltweit größte Fusionsexperiment vom Typ Stellerator 16 m Durchmesser, 5 m Höhe) installiert, die 2012 in Betrieb gehen soll und mit der man ein Plasma für etwa 30 min. Dauer zu erreichen hofft. (Seit 1965 werden Stelleratoren im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik von Garching untersucht und erlangten – zuletzt mit Wendelstein 7-A und Wendelstein 7-AS (Durchmesser 7 m) – international anerkannte Erfolge). Dies ist möglich mit den zahlreichen “gebogenen Spulen“, die nach Computerberechnungen ausgelegt sind. Die Spulen werden mit flüssigem Helium auf Supraleitungstemperatur von etwa 4 Grad Kelvin gekühlt.

Dabei kommt auch eine 10 MW-Mikrowellenheizung zum Einsatz, eine technische Weltneuheit. Zielsetzung sind u. a. die Plasmaerzeugung, die Vorhersagen über den Dauerbetrieb eines Stellerator-Kraftwerkes erlauben, dabei besonders auch Untersuchung der Material- und Plasma-Wechselwirkungen. Die Versuche sollen in Greifswald nur mit Deuterium durchgeführt werden, um die Problematik der Radioaktivität zu vermeiden. Hier ist auch keine Energieerzeugung möglich. Das ist erst mit Deuterium und Tritium zu erreichen.

Ein Kontinuierlicher Plasmabetrieb ist mit dem Typ Stellerator – zumindestens theoretisch- möglich.

Mit dem Typ Tokamak, einer russ. Konzeption (einfache plane Spulen und große Ringspulen), ist nur ein gepulstes Plasma möglich. Hiermit wurde in Großbritannien mit der Anlage „Jet“ in den 90er Jahren ein Dauer-Plasma von einige Sekunden erreicht, (bis das Plasma “leergesaugt“ war). Das ist bisher Weltrekord.

Die geplante Großanlage ITER in Cadarache/Südfrankreich ist auch eine Anlage vom Typ Tokamak, kann also auch nur gepulst betrieben werden.

Wenn man das Prinzip Tokamak für ein Kraftwerk wählen wollte, benötigt man z. B. 2 solche Tokamak-Anlagen, die abwechselnd betrieben werden.

Bei dem derzeitigen Stand erscheint die geplante technische Realisierung bis 2050 sehr kühn. Man denke nur daran, dass man auch schon Anfang der 70er Jahre 10-20 Jahre bis zu einer technischen Realisierung angesetzt hatte.

Raketenmuseum Peenemünde

Einige von uns waren außerdem fast einen ganzen Tag im Raketenmuseum in Peenemünde, wo am Eingang eine Nachbildung der V2 (Raketen-Treibstoff: Methanol, Ethanol, mit Wasserzusatz und flüssigem Sauerstoff) aufgestellt ist. Zum Gelände gehörte während der aktiven „Raketenzeit“ ein Kraftwerk und eine Luftzerlegungsanlage zur Erzeugung von flüssigem Sauerstoff. Die Ausstellung ist von privaten Sponsoren organisiert und nicht von der Rot-Roten Landesregierung von MeckPom und deshalb sehr objektiv, auch über die Nazizeit.

Werner von Braun hatte von frühester Jugend an den Traum Raketenbauer zu werden, und da war das Militär der notwendige Geldgeber. Mit ihm und den deutschen Entwicklungsarbeiten wurde die Basis für das amerikanische Raumfahrtprogramm gelegt, das von Braun viele Jahre leitete. Auch die weiteren Entwicklungen der Raumfahrt in den USA und der Sowjetunion, sowie zahlreiche russische und DDR-Flugzeuge sind Teile der Ausstellung. Im Raketenmuseum Peenemünde. www.peenemuende.de

Großes russisches U-Boot im Hafen von Peenemünde

Dieses russische U-Boot mit Dieselantrieb ist fast 100 m lang und 4000 t schwer. Es wurde Mitte der 90 er Jahre als Museumsboot in den Hafen von Peenemünde gebracht.

E-Mail: Ludwig-Lindner@t-online.de