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Nutzung der Kernenergie

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Die Nutzung der Kernenergie in der Welt
von Dr. Lutz Niemann

In seiner Rede bei der Feier aus Anlaß der Stilllegung des Kernkraftwerkes Stade sagte Minister Trittin: „In der EU ist heute die Mehrheit der Länder atomenergiefrei – wie Dänemark, Österreich und Italien – oder auf dem Weg raus aus der Atomenergie“. Hier verwendete Trittin ein häufig benutztes demagogisches Rezept des Vortäuschens einer Mehrheit; er rechnet mit der Unkenntnis der Menschen. Tatsächlich betreiben von den EU 15-Staaten 8 Kernkraftwerke, von den EU 25 Staaten sind es 13, das ist eindeutig die Mehrheit. Aber wie sieht es mit der Nutzung der Kernenergie in der Welt aus? Wollen wirklich andere Staaten dem Beispiel Deutschlands folgen und aus der Kernenergie aussteigen? Dieser Frage soll im folgenden nachgegangen werden.

Die Situation in anderen Ländern der Welt

Ende 2004 waren 22 Kernkraftwerke in Bau, in Planung sind rund 80 Kernkraftwerke und zwar in den Ländern:
Siehe auch: www.umweltbundesamt.at/umwelt/kernenergie/

Land

in Bau laut atw 04/04

in Planung

laut HAZ (Hann.All.Ztg.)

Russland

2

ca. 15

weitere

Ukraine

2

3 (?)

 

Rumänien

1

 

 

Slowakei

2

2

 

Iran

1

1

 

Argentinien

1

 

 

Indien

9

2

weitere

China

2

ca. 15 oder 45

 

Japan

3

5

 

Korea Nord

2

1

 

Korea Süd

1

6

5

Taiwan

2

 

 

Bulgarien

 

1

 

Finnland

1

1

 

Frankreich

 

1

 

Litauen

 

?

 

Tschechien

 

2 (?)

 

Bangladesch

 

1

 

Kasachstan

 

1

 

Pakistan

 

2

 

Türkei

 

6 bis 9

 

Es sind dieses Länder, die sich in wirtschaftlicher Entwicklung befinden, die nach oben streben.

  • Finnland: Mit dem Neubau eines Kernkraftwerkes wurde begonnen. Man hat sich für den Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) entschieden, eine deutsch-französische Gemeinschaftsentwicklung. Die Arbeiten gehen zügig voran, mit der Fertigstellung wird 2008 gerechnet.
  • USA: Die Betriebsgenehmigungen der laufenden Kernkraftwerke werden auf 60 Jahre verlängert. Anfang 2005 waren die Genehmigungen für ein Drittel der 104 Reaktoren erteilt.
  • Frankreich wird den Europäischen Druckwasserreaktor im eigenen Lande bauen, als Standort ist Flamanville in der Normandie ausgewählt. Die dortige Bevölkerung stimmt dem Projekt begeistert zu, denn es sichert der Gegend weiteren wirtschaftlichen Aufschwung.
  • Schweiz: In der Volksabstimmung „Strom ohne Atom“ von 2003 stimmten 66% mit nein, also für die weitere Nutzung der Kernenergie. Die Gründe sind: Unabhängigkeit bewahren, volkswirtschaftlichen Schaden abwenden, Kernenergie ist CO2-frei. In früheren Abstimmungen 1979, 1984, 1990 wurde ähnlich entschieden. Inzwischen wurden beim Kraftwerk Leibstadt Renovierungen vorgenommen, um einen 60-jährigen Betrieb zu ermöglichen.
  • Kanada: Es wurde ein außer Betrieb gesetztes Kernkraftwerk wieder in Betrieb genommen.
  • Belgien: Es wurde ein Beschluss gefasst, die Kernkraftwerke nach 40 Betriebsjahren bis 2025 stillzulegen. Allerdings verbunden mit der Klausel, dass nämlich die Versorgungssicherheit nicht gefährdet werden dürfe. Damit ist der Beschluss als eine Beruhigungspille für Kernenergiegegner zu sehen, denn natürlich ist Versorgungssicherheit nicht mehr gegeben, wenn Belgien seine Kernkraftwerke abschaltet (Das Land wird zu 58% mit Kernkraftstrom versorgt).

In den vergangenen 10 Jahren sind weltweit 42 neue Kernkraftwerke ans Netz gegangen. Die Gesamtzahl der Kernkraftwerke ist nur wenig gestiegen, da immer wieder kleine Prototypen aus den Anfangsjahren abgeschalten wurden. Die Stromerzeugung durch Kernkraftwerke stieg dagegen stark an, dazu erbrachten die Leistungssteigerungen der bestehenden Kraftwerke einen wesentlichen Beitrag. Von 2003 auf 2004 stieg zum Beispiel die Stromerzeugung aus Kernkraftwerken weltweit um 150 Mrd. kWh an, das entspricht der Erzeugung von 10 großenn Kraftwerken.

Abschaltungen von Kernkraftwerken aus politischen Gründen

  • Österreich: Das Kernkraftwerk Zwentendorf wurde nach seiner Fertigstellung 1977 aufgrund einer Volksbefragung vom 5.11.1978 (Kanzler Kreisky, SPÖ) nicht in Betrieb genommen und das Kernenergieprogramm Österreichs abgebrochen.
  • Italien: Das Land stimmte bei einer Volksabstimmung ein Jahr nach dem Tschernobyl-Unfall für die Stilllegung seiner drei Kernkraftwerke (210, 862, 270MWel), die Kraftwerke wurden abgeschalten. Inzwischen muss Italien die Kraftwerksleistung von 6000 MW in der Grundlast einführen, das ist der Strom von 4 großen Kernkraftwerken. In 2004 betrug Italiens Saldo 45,6 kWh Import. Der Strom wird von Frankreich importiert. Damit verbraucht Italien ebenfalls Kernenergiestrom, den es aber nicht selber erzeugt, sondern in Frankreich einkauft.
  • Schweden: Barsebäck 1 wurde 1999 stilllgelegt (nach dem Volksentscheid von 1980), am 01.06.2005 wurde auch Barsebäck 2 abgestellt. Die Stromproduktion aus Kernkraftwerken verringert sich aber nicht, weil Leistungserhöhungen in den anderen Kraftwerken erfolgen. Das älteste KKW in Schweden (Oskarshamm) wurde inzwischen modernisiert für weitere 20 Jahre (50 Jahre Lebensdauer vorgesehen). Weitere Stilllegungen sind nicht geplant, weil es Nachteile für das Land zur Folge hätte.
  • Deutschland: Der Hochtemperaturreaktor von Hamm-Uentrop (307 MWel), ein Prototyp, war rund 16000 Stunden in Betrieb und wurde 1988 stillgelegt. Der Grund waren keine technischen Probleme, sondern die enormen Verteuerungen auf mehr als das 6-fache wegen ständiger neuer Nachforderungen der SPD-Regierung in NRW unter Ministerpräsident Rau. Der Reaktor wird derzeit in Südafrika mit deutscher Hilfe weiter entwickelt. Dieser Reaktor besitzt aufgrund seiner Bauweise besondere Sicherheitsmerkmale. Er ist inhärent sicher, so dass auch bei Totalausfall aller Systeme keine Kernschmelze mit Entweichen von Radioaktivität auftreten kann. Damit wäre er geeignet, bei knapp werdenden fossilen Brennstoffen inmitten von Großstädten als Wärmequelle in Heizkraftwerken zu dienen.
    Der Schnelle Brüter von Kalkar (300MWel) wurde nach sechs Jahren der Verzögerungstaktik durch die Behörden von Nordrhein-Westfalen während der Vorbetriebsphase in 1991 aufgegeben. Hinzu kam auch noch, dass inzwischen der Uranpreis so niedrig war, dass auch wirtschaftlich der Brüter mit Plutoniumproduktion weniger interessant in Deutschland wurde. Die Entwicklung der Brüter-Technologie zur Erschließung neuer Energiequellen wird in Frankreich, Russland und Japan weiter getrieben. Auch Indien hat die Vorteile der Brütertechnologie erkannt und begann 2004 mit dem Bau eines Brüters mit 500MWel.
    Das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich (1219 MWel) war etwa ein dreiviertel Jahr in Betrieb, dann wurde es wegen juristischer Probleme stillgelegt. [Die erste Teilerrichtungsgenehmigung wurde widerrufen, da bei einer genehmigten Änderung der ursprünglichen Gebäudeanordnung (wegen Verwerfung in der Erdkruste) das Gericht eine fehlende Prüfung der Auswirkungen auf den „großräumigen Standort“ bemängelte.] Jahrelanges Prozessieren mit immer neuen juristischen Spitzfindigkeiten waren die Folge. Nach der Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen vom 14.6.2000 haben die Betreiber auf die Wiederinbetriebnahme verzichtet, derzeit wird das Kraftwerk rückgebaut.
    Das Kernkraftwerk Stade (640 MWel) ging am 14.11.2003 außer Betrieb, es war damit das erste Kernkraftwerk, dass in der Folge der Vereinbarung vom 14.6.2000 zum Opfer fiel (nach 32 Betriebsjahren). Alle beteiligten Fachleute vor Ort haben bestätigt, dass das Kraftwerk in sehr gutem Zustand ist und noch viele Jahre hätte weiter betrieben werden können. Das Kraftwerk befindet sich in der Nachbetriebsphase.
    Das Kernkraftwerk Obrigheim (340 MWel) war das dritte Kraftwerk, das als Folge des Rot-Grünen Ausstiegsprogramms am 11. Mai 2005 abgeschalten wurde. Die Regierung in Berlin behauptete dazu in einer 12-seitige Broschüre „Obrigheim, Magazin zum Abschalten“ (Auflage 1,3 Mill.) ”Die dort abgeschalteten 357 Megawatt sind längst durch moderne, klima- und menschenfreundliche Energien aus Sonne, Wind, Biomasse, Erdwärme und Wasser ersetzt worden.“ Das ist eine Lüge, der Betreiber EnBW hat als "mittelfristigen Ersatz für das abgeschaltete Kernkraftwerk Obrigheim" die Reaktivierung zweier uralter fossil befeuerter Blöcke vorgesehen:
    1. Ein heizölbefeuerter Block im Kraftwerk Marbach mit 265 MW (1974 in Betrieb gegangen, 1998 außer Betrieb genommen),
    2. Ein kohlebefeuerter Block im Kraftwerk Walheim mit 103 MW (1964 in Betrieb genommen, 2000 außer Betrieb genommen)
    Es geschieht also genau das, was Minister Trittin immer verschweigt: Ersatz der CO2-freien Kernkraft durch fossile Uralt-Kraftwerke. Der Ersatz durch Wind- und Sonnenstrom ist nicht möglich - wir Techniker wissen das - aber die Bürger werden von den Grünen belogen.

Stimmen aus anderen Ländern

  • Großbritannien: Tony Blair denkt an die Neuerrichtung von Kernkraftwerken, um der Klimaänderung entgegen zu steuern (Pressemeldung vom 8.7.04)
  • Tschechien: In Prag wünscht man sich zwei weitere Kraftwerksblöcke am Standort Temelin (Pressemeldung vom 27.5.04)
  • Italien: Es wird die Nutzung der Kernkraft im eigenen Lande erwogen (VDI-Nachr. 28.1.05)

Ergebnis:

Es zeigt sich also, dass in vielen Staaten der Welt die Kernenergie benutzt und ausgebaut wird. Es geht weltweit mit der Kernkraft steil nach oben. Nur in Deutschland scheint die Kernenergie nicht gewollt zu sein. Auf jeden Fall ist Deutschland Weltmeister bei der Windenergie, und beim Abschalten von voll funktionsfähigen Kernkraftwerken, sowohl in der Anzahl wie bei der stillgelegten Leistung. Das muß nicht ein Zeichen von besonderer Klugheit sein, wie es unsere Regierung glauben machen will, es kann auch das Gegenteil bedeuten.

In der Bevölkerung unseres Landes ist es so, dass die Ablehnung der Kernenergie geringer wird, wie die nachfolgende demoskopische Untersuchung zeigt:

aus ”Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie“, 1998 – 2002, Band 11, Seite 890, von E. Noelle-Neumann und R. Köcher

Die weitere Umsetzung der Vereinbarung vom 14.06.2000 mit der Abschaltung von deutschen Kernkraftwerken bedeutet, dass unser Land entweder zunehmend durch Kohlestrom aus eigenen Kraftwerken oder durch Kernenergiestrom aus Kraftwerken unserer Nachbarn versorgt wird. Daher ist diese Vereinbarung unsinnig und deren unverzügliche Revidierung zu fordern.

Der Text wurde im Juli 2005 überarbeitet.

Weblinks

Welche Bedeutung hat die Kernenergie für die Welt ?
(Link zu den Energie-Fakten.de)

Bau und Planung neuer Atomkraftwerke. - Internat-Recherche des aktuellen Planungsstands
                               (PDF, 736 kB, Januar 2004
(Link zu Umweltbundesamt.at)