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Kilowatt aus Wellenkraft von Mario Beck, Leipziger Volkszeitung, 02.07.2004
Vor der dänischen und schottischen Küste schaukeln jetzt zwei Kraftwerke, die die Wogenkraft verstromen. Die Aggregate sollen Vorboten für große Meeresmeiler sein.
Mit der Pfeife im Mund, dem wetterfesten Gesicht und dem roten Ölzeug am Körper würde Erik Friis-Madsen auch als Leuchtturmwärter eine gute Figur machen. Aber des Dänen Braut ist die offene See. Von deren Wogen kann der Mann, der Erfinder als Berufsbezeichnung trägt, nicht genug bekommen. Sie sind seit 20 Jahren das Medium seiner Träume und die Quelle, aus der jetzt eine von ihm erdachte Maschine Energie gewinnt. „Wellendrachen" nennt sich das maritime, seit kurzem vor der Küste Jütlands verankerte Gerät. Über vier Millionen Euro ließen die Europäische Union und der dänische Staat springen, um den Prototypen dieses schwimmenden Kraftwerks zu bauen und zu Wasser zu lassen.
Immer, wenn das Wetter es zulässt und die See nicht gar zu rau ist, schippern Friis-Madsen und seine Mannen hinaus zum „Wave Dragon", nisten sich in der kleinen Containerkajüte auf der schaukelnden Plattform ein, um die Betriebsführung des eigenwilligen Stromerzeugers zu optimieren. Sieben Turbinen samt Generatoren hat er an Bord. Wie Krakenarme wirken die zwei 28 Meter langen und vier Meter ins Wasser eintauchenden Wellenfänger, die von der Offshore-Anlage wegragen. Sie kanalisieren die Wogen, geben ihnen mehr Power, so dass sie als Springflut das ein Meter hohe Sammelbecken des Kraftwerkes immer wieder mit Wasser füllen. Von dort ergießt es sich auf die Turbinen. „Der Anfang ist gemacht, die Tests laufen gut", meint Friis-Madsen und blickt nach vorn. In zwei Jahren soll ein viermal leistungsfähigerer Wellendrachen in See stechen und dann jährliche zwölf Gigawattstunden aus den Wogen gewinnen. Genug, um den Strombedarf von 3500 Haushalten zu decken.
Berechnungen des in London ansässigen Weltenergierates gehen davon aus, dass Wellenmeiler einmal 15 Prozent des globalen Energiebedarfes decken könnten. Vier wesentliche Konzepte existieren, um vom Meer Strom zu ernten: Gezeiten-Kraftwerke an Flussmündungen; an der Küste installierte Wellenverstromer; unter Wasser mit Propellern arbeitende. Strommühlen sowie Offshore-Anlagen wie der Wave Dragon, die allerdings hart im Nehmen sein müssen. „Das Hauptproblem sind Monsterwellen, die solche Systeme schon beim Aufbau oder später zerstören können", erklärt Wasserbau-Professor Kai-Uwe Graw von der Leipziger Uni, einer der wenigen deutschen Experten für Wellenkraftwerke. „Bisher hat keine der Offshore-Konstruktionen langfristig überlebt." Dank neuer Technologien komme die kommerzielle Nutzung der Wellenkraft allmählich aber in Reichweite, schätzt er ein. Maßgebend sei, ob die Prototypen in den kommenden Jahren zuverlässig arbeiten.
Für vielversprechend hält Graw beispielsweise das vom norwegischen Konzern Norsk Hydro hergestellte, hydrodynamische System namens „Pelamis". Übersetzt heißt das „Seeschlange". Und so sieht die jüngst vor die britischen Orkney-Inseln geschleppte Anlage auch aus. Sie misst 120 Meter, besteht aus mit Scharnieren verbundenen Segmenten und hat damit den entscheidenden Vorteil. Geschmeidig passt sich Pelamis an die Meeresbewegungen an, statt mit ihnen zu kämpfen. Kommen große Brecher, taucht die 750 Tonnen schwere, 3,5 Meter dicke Wellenwurst durch sie hindurch, nimmt so keinen Schaden und produziert zugleich kräftig Strom. Auf einfallsreiche Weise.
„Das Ganze", erklärt Max Carcas von der schottischen Betreiberfirma Ocean Power Delivery, „funktioniert wie ein Dudelsack". Dort erzeugt der Spieler einen Dauerton, obwohl er nur sporadisch hineinbläst. Der Luftsack fungiert als Ausgleichskammer und Reservoir.
Bei Pelamis sorgt das sanfte Auf und Ab der Wellen dafür, dass ihre Segmente hin und her schwingen. Das setzt im Innern des stählernen Monstrums Kolben in Aktion. Sie erzeugen einen hohen Druck, dessen Energie in so genannten Windkesseln gespeichert und von dort kontinuierlich an die mit Generatoren gekoppelten Turbinen abgegeben wird. Bis zu 750 Kilowatt, und damit so viel wie eine mittlere Stromwindmühle, soll die Seeschlange ausspucken und an Land kabeln. Bisher hat sie die projektierte Leistung noch nicht erreicht. „Die Stromgewinnung", räumt Norsk Hydro-Mann Bard Hammervold ein, „läuft noch nicht stabil genug." Seine große Vision lässt er sich deswegen nicht nehmen: Eine 30 Megawatt leistende marine „Schlangenfarm" aus 40 zusammengeschalteten Pelamis-Anlagen.
Kommentar zum Thema Wellenkraftanlage von Dr. Lutz Niemann, 2004
Es ist zu begrüßen und es ist richtig, wenn von staatlicher Seite neue Entwicklungen unterstützt werden um festzustellen, ob diese zu einer wirtschaftlich tragbareren Lösung geführt werden können. In Dänemark tauchen keine Zweifel an einer richtigen Handlungsweise auf, denn die Förderung der Windenergie hat in Dänemark ein Ende gefunden, nachdem man die Unsinnigkeit dieses Unterfangens erkannt hat.
Nicht so in Deutschland, hier wurden nicht nur die Entwicklungsarbeiten gefördert, sondern auch der unwirtschaftliche Betrieb von Kraftwerken zur Stromerzeugung mittels Wind, Sonne, Biomasse über 20 Jahre, eben deren voraussichtlicher Lebensdauer. Da der Strom in seinen Erzeugungskosten bei Windstrom rund das 4-fache, bei Solarstrom rund das 20-fache über den Kosten der anderen Arten der Stromerzeugung liegt und diesen Strom daher niemand freiwillig kaufen würde, wurde per Gesetz verfügt, das dieser Strom eingespeist werden darf und dessen Kosten alle Stromverbraucher über einen Zuschlag auf den regulären Strompreis zu zahlen haben. Diese Handlungsweise ist falsch, sie ist das Kennzeichen einer Zwangswirtschaft, wie sie in unserem Lande in der ehemaligen DDR 1989 zu Ende ging. Die Folge sind Wettbewerbsnachteile für unsere Wirtschaft, das kann nicht toleriert werden.
Vor dem Bau von Wellenkraftwerken zur Stromerzeugung ist also abzuwarten, ob damit auf wirtschaftliche Weise Strom erzeugt werden kann. Zudem sollte sicher gestellt sein, dass die Korrosionsprobleme im Salzwasser beherrscht werden, und nicht eine Pleite geschieht wie derzeitig bei den Offshore-Windrädern in Horns Rev vor der dänischen Küste: Dort müssen alle Maschinenhäuser in 80 Meter Höhe wieder abgebaut werden für die Reparatur an Land, was zu Kosten führt, die in die Nähe der ursprünglichen Baukosten kommen.
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